Wirkt die zweite Website wirklich?
KI vertraut Quellen von Dritten tatsächlich mehr. Das ist aber noch kein Grund, dir selbst eine falsche Quelle zu bauen.
Kurz gesagt
- KI-Suchen stützen sich stärker auf unabhängige Quellen als auf die Website der Marke selbst. Dieser Teil stimmt.
- Wer eine „unabhängige Quelle“ aufbaut und die Verbindung zur Marke verschweigt, verstößt in den USA gegen eine Regel der FTC und in der Türkei gegen das Verbot von Schleichwerbung.
- Es gibt eine ehrliche Version. Ein zweiter Ort zum Schreiben, bei dem offen ist, wem er gehört.
In den letzten Wochen ist mir derselbe Rat mehrmals begegnet. Mach eine zweite Website auf, die nicht nach deiner Marke aussieht, lass sie wie eine unabhängige Quelle für deine Branche wirken und stell regelmäßig Blogartikel ein. Wenn diese Seite dich dann empfiehlt, soll das bei Lesern und bei der KI mehr Gewicht haben.
Klingt clever. Ich habe den Rat Behauptung für Behauptung überprüft.
Der Teil, der stimmt
KI-Suchen wählen ihre Quellen tatsächlich anders aus. Eine Studie, die Mahe Chen und Kollegen im September 2025 veröffentlicht haben, zeigt, dass KI-Suchmaschinen unabhängige und maßgebliche Quellen systematisch den Inhalten der Marke selbst vorziehen.1 In der klassischen Google-Suche ist diese Verteilung ausgewogener.
Der Gedanke „Was andere über dich sagen, zählt mehr als das, was du über dich selbst sagst“ ist also nicht aus der Luft gegriffen.
Wo die Grenze verläuft
Das Problem steckt in der zweiten Hälfte des Rats. Eine Quelle, die unabhängig aussieht, aber in Wahrheit dir gehört, ist genau das, worauf die Verbote zielen.
- In den USA verbietet eine Regel, die die FTC 2024 veröffentlicht hat, ausdrücklich, dass ein Unternehmen eine Website, die es kontrolliert, als unabhängige Meinungsquelle für einen Bereich ausgibt, zu dem auch seine eigenen Produkte gehören.2
- In der Türkei verbietet die Verordnung über kommerzielle Werbung und unlautere Geschäftspraktiken Schleichwerbung in jedem Medium. Werbeinhalte als unabhängigen Artikel auszugeben, fällt darunter.3
- Auch Googles Spam-Richtlinien nennen Links, die nur zur Beeinflussung des Rankings erzeugt werden, und Zwischenseiten, die Nutzer auf die eigentliche Website weiterleiten.4 Eine Nebenseite, die auffliegt, kann auch der Hauptseite schaden.
Dazu kommt die Frage des Vertrauens. Eine Quelle, deren Verbindung ans Licht kommt, kostet dich genau das Vertrauen, das du gewinnen wolltest.
Auch beim Traffic hat sich etwas verschoben
Der Rat verkauft den Blogartikel als den einfachsten Weg zu einem guten Ranking. Suchergebnisse funktionieren inzwischen aber anders. Laut einer Messung von Pew klicken Menschen bei Google in 8 Prozent der Fälle auf einen Link, wenn eine KI-Zusammenfassung erscheint. Ohne Zusammenfassung liegt der Wert bei 15 Prozent. Und auf die Quellen innerhalb der Zusammenfassung klickt 1 Prozent.5
Was ein Text wert ist, bemisst sich also nicht mehr nur an den Klicks, die er bringt. Er hält fest, wer was denkt und wie.
Die ehrliche Version
Der brauchbare Kern des Rats sieht so aus: ein zweiter Ort neben deinem eigentlichen Schaufenster, an dem du regelmäßig zeigst, was du denkst. Dafür musst du nicht verstecken, wer du bist.
Dieser Blog ist so ein Ort. Er steht getrennt von meinem Portfolio, weil die beiden unterschiedliche Aufgaben haben. Aber wer hier schreibt, steht auf jeder Seite. Die unabhängige Stimme, nach der die KI sucht, können dir nur andere geben: ein Interview, ein Gastbeitrag, die Auswahl eines Kurators. Die kannst du nicht selbst herstellen, du kannst sie dir nur verdienen.